FAZ vom Samstag 2. Mai 2009
Gespielt wird nicht

Keine Premiere im Gasthof "Zur Goldenen Krone"

hla. DARMSTADT. Es hätte die Inszenierung zur Wirtschaftskrise werden sollen: "Bezahlt wird nicht", eine Politfarce Dario Fos über Lebensmittel klauende Frauen im Mailand der siebziger Jahre. Zur Aufführung gelangte Peter Jährlings Regie für das theater compagnie schattenvögel im Darmstädter Traditionslokal "Zur Goldenen Krone" aber nicht. Nach Unstimmigkeiten am Vortag stellten die Besitzer der "Krone" kurzerhand den Strom ab. Die einstweilige Verfügung, die Jährling und seine Frau Marijke als Theaterleiter mit dem Gerichtsvollzieher und der Polizei durchsetzten wollten, um die Premiere zu retten, blieb somit wirkungslos.
Die 1656 errichtete "Goldene Krone" überstand als einziges Innenstadtgebäude den Zweiten Weltkrieg. Nachdem der kürzlich verstorbene Peter Gleichauf es 1975 mit Tilmann Wenger gepachtet hatte, avancierte es als Konzertkneipe zum Hort der Jugendkultur. Vom späteren Ankauf durch Gleichauf erhofften sich die "Schattenvögel", die dort drei Produktionen aufführten, Sicherheit für ihre Spiel-, Proben- und Unterrichtsstätte. Marijke Jährling: "Wir sind nicht irgendwelche Laien. Es hängen Existenzen daran". Die "Schattenvögel" haben sich rasch in Darmstadts Kulturleben etabliert.
Plante Gleichaufs Sohn Julius, der Geschäftsführer, das Kulturprogramm
bishlang unter Einschluss der "Schattenvögel", soll damit nun anscheinend Schluss sein. Am Tag nach der gescheiterten Premiere war aus dem Büro der "Krone" keine Stellungnahme zu erlangen. Dirk Lochmann, der die "Schattenvögel" anwaltlich vertritt, spricht von einer langfristigen, "ad hoc beendeten Vereinbarung". Die Geschäftsführung zeige keine Neigung, dem Gerichtsbeschluss zu folgen, und nenne keine juristischen Gründe einer fristloen Kündigung: "Die Mietvereinbarung besteht daher weiter, auch für Aufführungen."
Marijke Jährling deutetet an, ursächlich könnten der niedrige Getränkeumsatz eines Theaterpublikums und Uneinigkeit ("Machtfragen") zwischen Julius Gleichauf und seiner Schwester sein. Hinsichtlich der seit Mai erhöhten Miete habe man sich einer Einigung nahe geglaubt.
Um die Premiere zu sehen, hatte sich im Auftrag einer städtischen Evaluierungskommission auch Martin Apelt, Schauspieldirektor am Staatstheater eingefunden. Im improvisierten Pressegespräch tadelte er das Vorgehen als "Ungeheuerlichkeit", die Wellen schlagen werde, äußerte Solidarität und lobte die Aktualität des Stückes. Für den Fall, dass alternative Spielorte nötig würden, bot er ideelle und eventuell andere Unterstützung an. Marijke Jährling: "Das Stück muss raus, sonst überholt es sich."
Markus Hladek